Die Berliner Entscheidung
Roman - Residenz Verlag - 1984 - ISBN 3-7017-0390-6
Inhalt
*Kapitel 1
*Kapitel 2
*Kapitel 3
*Kapitel 4
*Kapitel 5
*Kapitel 6
*Kapitel 8
*Kapitel 9
*Kapitel 10
*Kapitel 11
*Kapitel 12
*Kapitel 13
*Kapitel 14
*Kapitel 15
*Kapitel 16
*Kapitel 17
*Kapitel 18
*Kapitel 19
*Kapitel 20
*Kapitel 21
*Kapitel 22
*Kapitel 23
*Kapitel 24
*Kapitel 25
*Kapitel 26
*Kapitel 27
*Kapitel 28
*Kapitel 29
*Kapitel 30
*Kapitel 31
weiter
1


Immer der Traum vom Reisen. Aber schon im Traum die Angst davor, wider besseres Wissen, daß etwas nicht klappt (was immer geklappt hat), daß ich nicht alles vorbedacht habe (wo ich doch immer alles vorbedenke, so vorsichtig, daß gar kein Spielraum mehr bleibt für Zufälle), daß etwas passiert, was ich nicht mehr schaffe (wo ich doch die verrücktesten Situationen geschafft habe). Du kennst meine Angst, diesen Kitzel der Angst, daß etwas völlig Unvorhergesehenes eintreten könnte (endlich die Katastrophe, die mich völlig aus der Bahn wirft), aus meinen so oft abgebrochenen Schilderungen während der Therapiestunden. Du weißt, daß ich seit meiner Kindheit trainiert worden bin, ständig in Erwartung der Katastrophe zu leben, darin (wie meine Eltern) einen Großteil meiner Gefühlskraft investieren mußte, sodaß wenig übrig bleiben konnte für zärtliche Vorstellungen, wärmende Umarmungen, Streichelbewegungen, um etwa, wenn auch nur verstohlen, ein Haarbüschel aus den Augen zu streifen, eine Gedankenfalte aus der Stirn. Mein Vater betritt heftig atmend mein Zimmer, für dessen Unordnung ich mich unnötig schäme, bleibt im Mantel, voller Ungeduld, von der er sich nur mühsam ablenken kann: Er nickt mir flüchtig zu, steuert zielstrebig ein bestimmtes Regal an und greift nach einem Buch, das sich als die Darstellung des Lebens in Gurs entpuppt, seines Lagers am Fuß der Pyrenäen. Während mich Stefan, mit dem ich nun schon seit zwei Jahren zusammenwohne, fragend anblickt (ob er den roten Koffer schon schließen kann), zugleich aber unruhig zum Telefon hinhorcht (ob es nicht endlich läutet, ob nicht doch noch sein Freund Josef im letzten Moment anruft), wirft mein Vater seinen Kopf mit der Fuchspelzmütze herum, lacht schneidend: Leni - das mußt du hören! und zitiert einige Sätze. Er kommt in dem Buch nicht vor, obwohl er mit den Autorinnen in Gurs mehr als ein Jahr (bis zu seiner Flucht im Sommer 1942) interniert gewesen ist. Er kann seine Verletzung nur mit blankem Hohn überspielen: Mit denen hab ich schon damals nichts geredet, die waren mir einfach zu blöd! (So als ob alles im Rahmen einer alltäglichen Normalität abgelaufen wäre, als ob die Beziehungen von ungetrübter Zuneigung, ungetrübter Aggression bestimmt gewesen sein konnten.)

Zugleich ist ihm offensichtlich das rasend schnelle Vergehen der Zeit bewußt: jede halbe Minute schielt er von den Zeilen auf die Uhr und muß sich energisch beherrschen, seinen Drang, schon am Ort des Ereignisses (jetzt der Abreise) zu sein, wenn sich das Ereignis (die Abreise) doch erst als große, saugende Leere vorbereitet, wenn die mögliche Zeitvergeudung noch erträglich zu sein scheint. (Damit bleibt der Anschein von Souveränität über Zeit und Raum gewahrt.) Ich fühle mit ihm. Noch immer kann ich mich seinem Einfluß nicht entziehen. Du bist meine Zeugin: Ich sage so oft wir (und meine damit weder mich und meine Mutter noch meine Eltern und mich und schon gar nicht meinen Bruder, meine Eltern und mich). Wir heißt noch immer, nach all diesen verzweifelten Distanzierungsversuchen, diesen Fluchten durch die halbe Welt: ich und mein Vater, dieser äußerst verletzliche, eigensinnige, von früh bis spät durchritualisierte, von ständigen (verständlichen) Ängsten gepeinigte Mensch, der mich jetzt flüchtig anschaut und damit sofort eine Folge von Fragen bewirkt: Soll ich einen Vorwurf fürchten? Welchen? Oder blinzelt er mich nur an, weil er eine Genossin sucht? Wofür denn?

Du siehst: Auch jetzt noch überträgt sich sein inneres Beben, das einen Ausbruch vorbereitet, auf alle Gegenstände im Raum, verunsichert mich und erinnert mich an meine Schuld. Natürlich könnte ich ihm mit meinem Ausbruch zuvorkommen. Aber wenn ich auf dein Gesicht in mir blicke, lächelt es mich wie eine Sphinx an, zeigt mir keinen Weg und überläßt mir die Wahl der Mittel. Zugleich erscheint die so oft wiederholte Badezimmerszene, wo ich heulend hinter der von innen verriegelten Tür sitze, nachdem ich in einem Anfall von Raserei alle Gegenstände in meinem Zimmer kaputtgeschlagen habe, nur um meinem Vater wieder einmal zu zeigen: So darf er mit mir nicht umgehen, so darf er meine Gefühle nicht mißachten, so darf er mich nicht an sich binden wollen!

Plötzlich steht er bei der Tür, legt Hand an den Koffer, der ihn gleich umreißen wird, die Stiegen hinunter. Als er dann draußen ist, taucht auch Stefan wieder auf, zieht sich die Hose hinauf und versucht, mich besänftigend zu berühren, obwohl er wissen müßte, daß jetzt das endgültige Signal zum Aufbruch geblasen worden ist, daß es jetzt nur einen Nachfolgezwang geben kann, den auch mein einfaches Wunschwort, das mich in den Bahnhof versetzt (nur als Auge, als Außenstelle der Schaulust, ausnahmsweise angstfrei, als unsichtbare, lüsterne Beobachterin), nicht mildern kann.

Im Auto meines Vaters bleibt mir nur ein hilfloses Festklammern an den Arm Stefans, der vergeblich nach dem Gurtschloß tappt, um seinen Körper zu fixieren und sich schließlich starren Blicks auf die unvorhersehbaren Brems- und Beschleunigungsmanöver dieses unter dem wie immer viel zu dünnen Mantel hervorstechenden Fußes links vor ihm konzentriert. Draußen die regelwidrig kreuz und quer fahrenden Idioten, die im Straßenverkehr eigentlich nichts zu suchen hätten; herinnen dieser vermummte Mann, der, unablässig auf die Uhr blickend, mit seinem bitzligen Strampeln womöglich ein Blutbad provoziert.

Als die Koffer dann endlich vorm Eingang des Südbahnhofs abgestellt sind und mein Vater ohne Widerstand auf seine weitere Anwesenheit bis zur Abfahrt unseres Zuges verzichtet hat, glaubt Stefan noch immer an eine Koinzidenz der Zufälle, die Josef erlaubt, ihn im letzten Augenblick einzuholen.



[home] [weiter]