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Immer der Traum vom Reisen. Aber schon im Traum die Angst davor, wider
besseres Wissen, daß etwas nicht klappt (was immer geklappt hat), daß
ich nicht alles vorbedacht habe (wo ich doch immer alles vorbedenke,
so vorsichtig, daß gar kein Spielraum mehr bleibt für Zufälle), daß
etwas passiert, was ich nicht mehr schaffe (wo ich doch die
verrücktesten Situationen geschafft habe). Du kennst meine Angst,
diesen Kitzel der Angst, daß etwas völlig Unvorhergesehenes eintreten
könnte (endlich die Katastrophe, die mich völlig aus der Bahn wirft),
aus meinen so oft abgebrochenen Schilderungen während der
Therapiestunden. Du weißt, daß ich seit meiner Kindheit trainiert
worden bin, ständig in Erwartung der Katastrophe zu leben, darin (wie
meine Eltern) einen Großteil meiner Gefühlskraft investieren mußte,
sodaß wenig übrig bleiben konnte für zärtliche Vorstellungen, wärmende
Umarmungen, Streichelbewegungen, um etwa, wenn auch nur verstohlen,
ein Haarbüschel aus den Augen zu streifen, eine Gedankenfalte aus der
Stirn. Mein Vater betritt heftig atmend mein Zimmer, für dessen
Unordnung ich mich unnötig schäme, bleibt im Mantel, voller Ungeduld,
von der er sich nur mühsam ablenken kann: Er nickt mir flüchtig zu,
steuert zielstrebig ein bestimmtes Regal an und greift nach einem
Buch, das sich als die Darstellung des Lebens in Gurs entpuppt,
seines Lagers am Fuß der Pyrenäen. Während mich Stefan, mit dem
ich nun schon seit zwei Jahren zusammenwohne, fragend anblickt (ob er
den roten Koffer schon schließen kann), zugleich aber unruhig zum
Telefon hinhorcht (ob es nicht endlich läutet, ob nicht doch noch sein
Freund Josef im letzten Moment anruft), wirft mein Vater seinen Kopf
mit der Fuchspelzmütze herum, lacht schneidend: Leni - das mußt du
hören! und zitiert einige Sätze. Er kommt in dem Buch nicht vor,
obwohl er mit den Autorinnen in Gurs mehr als ein Jahr (bis zu seiner
Flucht im Sommer 1942) interniert gewesen ist. Er kann seine
Verletzung nur mit blankem Hohn überspielen: Mit denen hab ich schon
damals nichts geredet, die waren mir einfach zu blöd! (So als ob
alles im Rahmen einer alltäglichen Normalität abgelaufen wäre, als ob
die Beziehungen von ungetrübter Zuneigung, ungetrübter Aggression
bestimmt gewesen sein konnten.) Zugleich ist ihm offensichtlich das
rasend schnelle Vergehen der Zeit bewußt: jede halbe Minute schielt er
von den Zeilen auf die Uhr und muß sich energisch beherrschen, seinen
Drang, schon am Ort des Ereignisses (jetzt der Abreise) zu sein, wenn
sich das Ereignis (die Abreise) doch erst als große, saugende Leere
vorbereitet, wenn die mögliche Zeitvergeudung noch erträglich zu sein
scheint. (Damit bleibt der Anschein von Souveränität über Zeit und
Raum gewahrt.) Ich fühle mit ihm. Noch immer kann ich mich seinem
Einfluß nicht entziehen. Du bist meine Zeugin: Ich sage so oft
wir (und meine damit weder mich und meine Mutter noch meine Eltern
und mich und schon gar nicht meinen Bruder, meine Eltern und mich).
Wir heißt noch immer, nach all diesen verzweifelten
Distanzierungsversuchen, diesen Fluchten durch die halbe Welt: ich und
mein Vater, dieser äußerst verletzliche, eigensinnige, von früh bis
spät durchritualisierte, von ständigen (verständlichen) Ängsten
gepeinigte Mensch, der mich jetzt flüchtig anschaut und damit sofort
eine Folge von Fragen bewirkt: Soll ich einen Vorwurf fürchten?
Welchen? Oder blinzelt er mich nur an, weil er eine Genossin sucht?
Wofür denn? Du siehst: Auch jetzt noch überträgt sich sein inneres
Beben, das einen Ausbruch vorbereitet, auf alle Gegenstände im Raum,
verunsichert mich und erinnert mich an meine Schuld. Natürlich könnte
ich ihm mit meinem Ausbruch zuvorkommen. Aber wenn ich auf dein
Gesicht in mir blicke, lächelt es mich wie eine Sphinx an, zeigt mir
keinen Weg und überläßt mir die Wahl der Mittel. Zugleich erscheint
die so oft wiederholte Badezimmerszene, wo ich heulend hinter der von
innen verriegelten Tür sitze, nachdem ich in einem Anfall von Raserei
alle Gegenstände in meinem Zimmer kaputtgeschlagen habe, nur um meinem
Vater wieder einmal zu zeigen: So darf er mit mir nicht umgehen, so
darf er meine Gefühle nicht mißachten, so darf er mich nicht an sich
binden wollen! Plötzlich steht er bei der Tür, legt Hand an den
Koffer, der ihn gleich umreißen wird, die Stiegen hinunter. Als er
dann draußen ist, taucht auch Stefan wieder auf, zieht sich die Hose
hinauf und versucht, mich besänftigend zu berühren, obwohl er wissen
müßte, daß jetzt das endgültige Signal zum Aufbruch geblasen worden
ist, daß es jetzt nur einen Nachfolgezwang geben kann, den auch mein
einfaches Wunschwort, das mich in den Bahnhof versetzt (nur als Auge,
als Außenstelle der Schaulust, ausnahmsweise angstfrei, als
unsichtbare, lüsterne Beobachterin), nicht mildern kann. Im Auto
meines Vaters bleibt mir nur ein hilfloses Festklammern an den Arm
Stefans, der vergeblich nach dem Gurtschloß tappt, um seinen Körper zu
fixieren und sich schließlich starren Blicks auf die unvorhersehbaren
Brems- und Beschleunigungsmanöver dieses unter dem wie immer viel zu
dünnen Mantel hervorstechenden Fußes links vor ihm
konzentriert. Draußen die regelwidrig kreuz und quer fahrenden
Idioten, die im Straßenverkehr eigentlich nichts zu suchen hätten;
herinnen dieser vermummte Mann, der, unablässig auf die Uhr blickend,
mit seinem bitzligen Strampeln womöglich ein Blutbad provoziert.
Als die Koffer dann endlich vorm Eingang des Südbahnhofs abgestellt
sind und mein Vater ohne Widerstand auf seine weitere Anwesenheit bis
zur Abfahrt unseres Zuges verzichtet hat, glaubt Stefan noch immer an
eine Koinzidenz der Zufälle, die Josef erlaubt, ihn im letzten
Augenblick einzuholen.
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